Für militärische Feinschmecker gibt es im Krieg gegen
Iran viele Fragen. Werden die jemenitischen Huthi die Wasserstraße zum Suezkanal schließen, das Bab-al-Mandab? Wird die 82. Luftlandedivision die iranische Insel Charg besetzen? Und welche Rolle spielt der US-Erdkampfbomber A10, genannt „Warzenschwein“?Der Rest der Menschheit steht vor einem eher harmlosen Rätsel: Woher rührt die Begeisterung der Islamischen Republik für Lego? Seit Beginn des Krieges flutet
Iran die sozialen Medien mit Memes und Clips auf eine Weise, wie man es sich eigentlich für die Ölströme auf die Weltmärkte wünscht. Einer der letzten Posts zeigt, wie ein schwitzender Lego-Trump einen Zettel mit der Aufschrift „Waffenstillstand-Angebot“ unterzeichnet, wie iranische Lego-Kommandeure den Zettel weiterreichen, bis ein Lego-Modschtaba bei offenbar bester Gesundheit den Kopf schüttelt, danach pulverisieren iranische Raketen israelische, amerikanische und saudische Stützpunkte. Es gibt sogar ein „Coming soon“: Lego-US-Fallschirmjäger stürmen die Insel Charg und sterben in Scharen. Am Ende türmen sich in Washington die Särge hoch wie ein Berg, und ein erschöpfter, zerrupfter Spielzeug-Trump verkündet ganz oben, wieder einmal, den Sieg.Nicht, dass
Israel oder die USA in diesem digitalen Krieg eine schlechte Figur machen. Die USA mögen mit ihren Grand-Theft-Memes und der Top-Gun-Ästhetik ein wenig altbacken wirken. Aber israelische Posts beweisen einen von Völkerrechtsbedenken ungetrübten Humor und Freude an der eigenen operativen Brillanz. In einem Insta-Post fragt Irans oberster Führer Ali Chamenei „Tod für
Israel – wer ist dabei?“, daraufhin rollt sanft eine Liste mit Namen ab, Nasrallah,
Sinwar, schließlich Chamenei selbst, alles getötete Gegner Israels. Und auf jeden Namen folgt: „… hat diesen Chat verlassen.“Das schönste KI-Epos ist der All-Star-Tiktok-Clip „Straight Outta Hormuz“ mit Judy Dench als britischer Premier StarmerIn der Propaganda-Schlacht zwischen den USA,
Israel und
Iran, die vor allem eine KI-Schlacht ist, sind ohnehin viele gut gearbeitete Werke entstanden. Geradezu epischen Spott über das Wirrwarr der „Operation Epic Fury“ zeigt der All-Star-Tiktok-Clip „Straight Outta Hormuz“ mit „Gandalf“ Ian McKellen als Ali Chamenei und Judy Dench als
Keir Starmer.Und dass die Islamische Republik im Übrigen zuhause eine fast vollständige Internetsperre verhängt und die Menschen in
Iran von Unterhaltung, realen Informationen oder auch nur dem Kontakt mit ihren Angehörigen in aller Welt abschneidet, ist ja nur der eine, der repressive Teil der iranischen Internet-Strategie. Fern von Teheran hat die Gruppe des iranischen „Handala Hack Teams“ gerade das private E-Mail-Konto von FBI-Chef Kash Patel gehackt, vermutlich, so die New York Times, mit Hilfe eines russischen Servers. Die digitale Präsenz Irans in der Welt wird niemand bestreiten.Und, klar, auch die Huthi hatten die Tiktok-Welt vor zwei Jahren verblüfft mit dem Auftritt gut aussehender, bestens gelaunter „Hot Huthi“ in Clips über ihre Angriffe auf
Israel und auf die globale Schifffahrt. Aber die Revolutionsgarden und Lego? Ein dänischer Spielzeugklassiker, der mit dem Slogan „Die Kraft der Fantasie“ wirbt?Virales Huthi-Video:Pirat der Woche"Gott, bist du schön" - ein Video vom Kapern eines Frachtschiffes im Roten Meer geht viral. Über die bizarre Ästhetik des Terrors im Tiktok-Zeitalter.Die Firma Lego hat mit den Clips nichts zu tun. Dass Video-KIs Lizenzrechte ignorieren, ist spätestens seit dem Rechtsstreit zwischen Disney und Midjourney klar. Aber: Technisch gesehen ist Lego ideal für KI, weil es wie alle Objekte mit glatten Kanten leichter zu berechnen ist als, sagten wir, der Bart eines Revolutionsführers. Comic-Clips werden außerdem seltener auf den Plattformen herausgefiltert als reale Kriegsbilder, heißt es in einer Analyse von „Radio Free Europe“. Optisch wiederum führen die Klötze in eine bonbonbunte Pixar-Welt, wo Spiel und Spaß und Unschuld herrschen. Der Kontrast zur Realität dieses Krieges mit seinen Toten und der Zerstörung könnte nicht größer sein, die Ansprache kaum niedrigschwelliger.Heldenhafte iranische Lego-Mannen rächen auf Tiktok und Instagram die Toten einer US-Rakete auf eine iranische Mädchenschule, in einem überraschend häufigen Motiv auch die „Opfer der Epstein-Insel“, finaler Beleg der Verkommenheit westlicher Eliten. Die meisten Videos kommen ohne Worte aus, falls doch, wird Englisch gesprochen. Manches wird mit Rap unterlegt: „Khamenei Again!“ Zum Angriff eines US-Helikopters donnert Wagners „Walkürenritt“ wie einst bei Coppola.Es sind erkennbar nicht die heimischen Zuschauer in Teheran oder Schiraz, die hier angesprochen werden, wie auch, ohne Internet? Wenn Lego-Betende vor der Kaaba in Mekka vor riesigen israelischen und amerikanischen Kampfelefanten fliehen, wenn Lego-Hacker in Russland und China wohlwollend die iranische Abwehrleistung verfolgen, dann wird klar: Hier wird der Anbruch einer multipolaren Weltordnung beschworen, deren Beobachter vielleicht nicht an der Seite Irans kämpfen, aber die mit den USA oder auch mit
Israel eine Rechnung offen haben. Würden die Kämpfe darum einzig mit Lego ausgetragen – sie wäre wunderbar.